Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Dieses Grundbedürfnis beginnt am 1. Tag der Geburt jedes Menschen. Ein Säugling ist davon abhängig, dass die Mutter (oder eine andere primäre Bezugsperson) dieses Grundbedürfnis befriedigt.

  • Wenn es z.B. Hunger hat und schreit, wartet es auf die Reaktion, dass der Hunger gestillt wird. Erfolgt eine zuverlässige Reaktion (Kontakt, Schutz und Erfüllung des Grundbedürfnisses Nahrung), wird sich eine innere Sicherheit bilden können, die dem Säugling die Botschaft vermittelt, dass es wert ist, berücksichtigt zu werden, dass es als Lebewesen mit seinen Grundbedürfnissen ernst genommen wird.
  • Bleibt die Reaktion aus, wird sich eine innere Unsicherheit entwickeln, die dem Kind mitteilt, das sein Schreien, sein Wesen mit seinen Grundbedürfnissen ignoriert werden und es der Aufmerksamkeit nicht wert ist. Damit bildet sich die Grundangst vor Beziehungsverlust.

Ein neugeborenes Kind reagiert auf das Empfinden der Mutter. Es spürt die Nähe und Präsenz und ebenso, wenn sie nicht vorhanden ist. Schon intrauterin interagiert es auf die Klangwelt und Stimme der Mutter. Und schon vor der Geburt reagiert ein Kind auf Spannungen der Mutter. (Das zeigt die neuere Säuglingsforschung).
Wenn also die Mutter gestresst ist, wirkt sich diese Unsicherheit auch auf das Kind aus und wird bei ihm als Erfahrung gespeichert. Beziehung und Stress hängen ganz eng zusammen.

Reagiert die Mutter (oder eine andere primäre Bezugperson) mit großer Unsicherheit und Selbstzweifeln auf Stresssituation (bezüglich des Kindes oder der eigenen Person), wird die Grundangst vor Beziehungsverlust aktiviert.

„Die Art und Weise, wie Zuwendung und Versorgung erfolgen, hat einen entscheidenden Einfluss auf die Bildung der inneren Sicherheit und des Werteempfindens. Ob eine Bezugsperson Zeit hat oder nicht, ob sie gehetzt ist oder ungeduldig wirkt, ob sie mit dem Kind Blickkontakt herstellt bei der Kommunikation, ob sie präsent ist oder gleichzeitig andere Dinge erledigt – all das hat Einfluss auf die Qualität der Herausbildung einer inneren Sicherheit.“ (aus: Das Trauma der Gewalt, Horst Kraemer, 2003)
Da ein Neugeborenes bis zum Kleinkindalter extrem von seinen Bezugpersonen abhängig ist, um seine Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Zuwendung und Geborgenheit und später das Gefühl des Angenommen- und Gemochtwerdens zu erfüllen, versucht es, die Beziehungen in seiner direkten Umwelt zu sichern. Das Kind eignet sich Fertigkeiten an, um ein Gleichgewicht der Kräfte im Bezugsfeld der Familie herzustellen oder zu wahren. Diese Fertigkeiten dienen der Sicherung des eigenen Überlebens.
Jeder Mensch macht also von Geburt an(und auch schon vorgeburtlich) eine Vielzahl von Beziehungserfahrungen. Je mehr innere Sicherheit in einer Beziehung vermittelt wird, desto mehr Selbstvertrauen und Selbstkompetenz kann ein Mensch entwickeln. Je mehr Unsicherheit in einer Beziehung vermittelt wird, desto mehr steigen Ängste vor Beziehungsverlust, die durch bestimmte Verhaltensmuster kompensiert werden.

Beziehungen stehen also ständig im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Angst. Aus diesem Wechselspiel entstehen vielfältige Verhaltensmuster, die einzig dem Ziel dienen, die innere Sicherheit zu erhalten. Die Qualität von frühkindlichen Beziehungserfahrungen wird tief im Menschen verankert. (Neuronale Verknüpfung)
Es entstehen im Laufe eines Lebens somit Beziehungsmuster, die das Grundgefühl der inneren Sicherheit und das Verhaltensmuster im Umgang mit Beziehungen bestimmen.

  • Beziehungserfahrungen prägen Verhaltensmuster
  • Verhaltensmuster dienen der Erhaltung der inneren Sicherheit

Es ist wichtig zu wissen, wie eng Stress und Beziehung zusammenhängen. In einem belastenden Ereignis oder Lebensabschnitt wird immer beziehungsgeprägter Stress mitaktiviert.

Das Grundsicherheitsgefühl entscheidet vorbewusst mit, als wie herausfordernd oder bedrohlich eine Situation eingeschätzt wird. Die daraufhin immer noch vorbewusste Bewertung der Wahrnehmung und die ausgelöste Reaktion erleben wir dann als mehr oder weniger stressig.